DURCH GEWESENE DEUTSCHE DÖRFER DES BANATS (30)

 

Durch die Bergsau

 

Neuhof, Buchberg, Lichtenwald, das sind alles Ortsnamen, die sogar den Banater Schwaben heute schon fremd klingen. Es sind aber alles Dörfer, die zusammen mit Altringen und Charlottenburg in der Banater Bergsau die nun fast rein rumänische Gemeinde Bogda bilden.

 

Die Bergsau ist ein Teil der Banater Hecke; sie besteht aus einer mit Wäldern, Ackerfeldern und Weiden bedeckten Hügelkette. Sie erstreckt sich von Bruckenau (heute: Pischia) und vom Bentscheker Wald bis zur heutigen Grenze zwischen den Kreisen Temesch und Arad. Hier befanden sich einst fast ausschließlich banat-schwäbische Dörfer, darunter auch die oben erwähnten Ortschaften.

 

Alle Dörfer der heutigen Gemeinde Bogda wurden 1771 erbaut. Sie haben ihre Entstehung hauptsächlich dem 1769 zum Präsidenten des Banats ernannten Grafen von Clary und Altringen zu verdanken, erbaut wurden sie aber unter der Aufsicht des Mitglieds der Temeschburger Landesadministration Franz Carl Samuel Neumann Edler von Buchholt. Vorher errichtete dieser laut Karl Kraushaar Bogarosch, Klein-Jetscha, Mastort, Heufeld, Charleville, Soulteur und Sankt-Hubert. Nachdem Neumann auch mit Albrechtsflor, Marienfeld und Blumenthal fertig geworden war, erreichte er das Tal Bergsau, das ihm sehr gefiel. Die schöne Gegend veranlaßte ihn, auch hier einige Kolonistendörfer anzulegen. So entstand dann Charlottenburg (amtlich: auch so genannt; ung.: Saloltavar), in dem gleich 32 Tiroler Familien aus Trient angesiedelt wurden. Den Ortsnamen erhielt das Dorf von der Gemahlin des Präsidenten Graf von Clary und Altringen. Die Kirchenmatrikelbücher wurden hier im Jahre 1796 eingeführt. Als zweite Siedlung wurde Altringen (amtlich: auch so genannt; ung.: Kisrekas) errichtet, die nach dem Präsidenten selbst benannt wurde. Buchberg (heute: Sintar; ung.: Bükhegy) erhielt seinen Namen vom Sekretär des Präsidenten, Eduard Buchberg. Hinzu kamen noch der heutige Gemeindesitz Neuhof (heute: Bogda; ung.: Bogdarigos oder Rigosfürdö) und Lichtenwald (heute: Comeat), ein Ort, der vorwiegend mit rumänischen Siedlern bevölkert wurde. Schon im Jahre 1772 wurde in Neuhof eine Pfarrei gegründet und zugleich hatte man auch die Matrikelbücher eingeführt.

 

1910 stellten die Deutschen in Neuhof mit 232 Seelen einen Bevölkerungsanteil von fast 49 Prozent, in Charlottenburg mit 215 Seelen über 77 Prozent, in Altringen mit 146 Seelen fast 88 Prozent und in Buchberg mit 157 Seelen 48 Prozent. Über Lichtenberg, wo nur wenige Deutsche gelebt haben könnten, stehen mir keine Angaben zur Verfügung. Bis 1940 stieg die Zahl der Deutschen in Altringen und Charlottenburg um einige zehn Personen. In jenem Jahr lebten in Neuhof 210 Deutsche bei insgesamt etwa 400 Einwohnern, in Charlottenburg 242 (bei etwa 450), in Altringen 154 (bei etwa 200) und in Buchberg 108 (bei etwa 300 Einwohnern).

 

Nach dem 2. Weltkrieg konnte die deutsche Volksgemeinschaft nur in Charlottenburg und in Altringen, die die deutsche Ortsnamen auch amtlich weiter tragen durften, bis Ende der '80-er Jahre überleben. Aus den anderen Ortschaften verschwanden sie und mit ihnen auch die deutschen Ortsnamen, so daß sie heute kaum noch einer kennt. Es wurde im September 1990 vor Ort bestätigt, daß damals in Neudhof, Buchberg und Lichtenwald kein einziger Deutscher mehr lebte. Zur selben Zeit lebten in Altringen nur noch vier deutsche Familien und in Charlottenburg 7 Familien, die aus 11 Personen bestanden. Sechs Monate zuvor waren es noch 12 Familien mit 24 Personen. Bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 bekannten sich in der gesamten Gemeinde Bogda noch 21 Personen zum Deutschtum, und zwar in Altringen - 3, in Charlottenburg - 13, in Buchberg - 2 und in Buzad) - 3.

 

Im Juli 1995 begaben sich die Journalisten Heidrun Henresz und Simone Alba von der Banater Zeitung (eine Beilage der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien) in Charlottenburg auf die Suche nach dem, was hier deutsch geblieben ist. Von den vier noch hier lebenden deutschen Familien besuchten sie die Schmidt's; Ernst (90 Jahre alt) und Rosina (82) Schmidt bewirtschafteten noch ihr Anwesen und wollen in keinem Fall in die Fremde ziehen, weder zu den Kindern nach Deutschland noch zu denen, die in Rumänien leben. Ohne die Versorgung, die sie aus Deutschland erhalten, würde es ihnen schon schlechter gehen. In letzter Zeit geht es Rosina Schmidt auch gesundheitlich nicht mehr so, wie es sollte.

 

Ansonsten sieht das Dorf noch immer gepflegt aus, da die Städtler, die zu Ferienwohnungen umgebauten banat-schwäbischen Häuser noch fleißig pflegen. Die deutsche Dorfschule gibt es schon seit 1960 nicht mehr. Nur die katholische Kirche, in der seit langem kein Gottesdienst mehr zelebriert wird, steht verwahrlost, in der Ortsmitte und benötigt dringend eine Renovierung.

 

In Neuhof, von wo der letzte Deutsche nach den Dezemberereignissen von 1989 ausgewandert ist, ist die römisch-katholische Kirche von der orthodoxen Bevölkerung übernommen worden. Laut einer Meldung der Tageszeitung Timisoara vom 23. März 1994 ist die 1835-38 erbaute Kirche nach der Ausreise des letzten Deutschen dem Verfall preisgegeben gewesen. Darum entschlossen sich im vorigen Jahr die orthodoxen Gläubigen, die Kirche zu renovieren und sie als ihr Gotteshaus zu benützen.

 

Auch die banat-schwäbischen Häuser wurden von den Rumänen übernommen. Dank der schönen Umgebung verwandelt sich auch diese Ortschaft allmählich in ein Week-end-Dorf. Zugleich verfällt die Landwirtschaft; die 1991 gegründeten Landwirtschaftsvereine sind nur registriert, praktisch funktionieren sie kaum. An einer Busverbindung fehlt es auch; der nächste Bahnhof, der seit dem Anschluß des Banats an Rumänien Sarlota heißt, befindet sich im 6 km entfernten Charlottenburg. Von 16 Uhr bis zum nächsten Morgen gibt es im heutigen Bogda auch keine ärztliche Betreuung. Auch die Telefonverbindung funktioniert wegen eines veralteten Kabels nicht mehr. Für die Instandsetzung der Telefonleitung, von der Menschenleben abhängig sind, gibt es kein Geld.

 

Dagegen lobt man aber die Sauberkeit und das gegenseitige Verständnis der Nachbarn, die die Deutschen hinterlassen haben. Die Neubürger Neuhofs wollen sowohl diese Tradition als auch die jährliche Kirchweih weiterführen. Sie feiern nun zu Mariä Geburt am 8. September ihre ruga, die rumänische Kirchweih im rumänischen Bogda.

 

Oktober 1995           Anton Zollner


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